Dieses blinde Mädchen macht die besten MakeUp Tutorials!

Lucy Edwards ist ein ganz großartiges Vorbild für uns alle

In unserem Leben haben wir geschätzt 103242 Tutorials auf YouTube angesehen. Aber als wir über die Videos der 19-jährigen Lucy Edwards gestolpert sind, wussten wir direkt, dass wir von ihr mehr lernen können, als die richtige Schminkweise. Vor zwei Jahren erblindete die junge Frau. Und auf ihrem Channel teilt sie mit ihren Abonnenten ihre Reise, zeigt Clips mit guten Ratschlägen, veröffentlicht Bekleidungs-Hauls und unsere liebsten MakeUp Tutorials (abgesehen von Wanas natürlich).

Im Gegensatz zu vielen anderen YouTube-Persönlichkeiten, schafft es Lucy, trotz zugegebenermaßen erschwerter Umstände, sogar die schwersten Beauty-Tricks (Contouring, Auftragen von flüssigem Eyeliner…) super leicht aussehen zu lassen. Unsere wunderbaren Kollegen aus New York haben die in England lebende Schülerin, die im nächsten Jahr übrigens Jura studieren möchte, kontaktiert und haben mit ihr über ihre inspirierenden Videos geschnackt.

Nachdem wir einige deiner Videos gesehen haben, fiel uns auf, dass du sehr deutlich machst, dass deine Erblindung erst vor Kurzem passierte. Wie kam es dazu?

Ich habe eine seltene Krankheit, die in den Genen meiner Familie liegt, aber bei niemand anderem meiner Verwandten ausgebrochen ist. Sie nennt sich Incontinentia Pigmenti und seit meinem 11. Lebensjahr hat sie sich immer weiter verschlimmert. Heute kann ich kaum noch etwas sehen, außer farbige Bläschen, wenn ich etwas ganz nah vor meine Augen halte.

Wie hast du dich während dieses Prozess gefühlt?

Es ist wirklich traurig… Aber wie ihr an meinem YouTube-Channel sehen könnt, versuche ich wirklich positiv damit umzugehen. Mein Freund studiert Animation an der Uni und so konnte er mir ganz viel bei den Grafiken helfen. Wir sind übrigens schon zusammen seitdem ich 17 bin! Wir waren erst zwei Monate zusammen, als ich blind wurde.



*Warum hast du dir überlegt YouTube Videos zu machen?

Bevor ich meine Sehkraft verloren habe, war ich ein ganz normaler Teenager. Meine Schwester und ich sind nur 15 Monate auseinander und sie hat sich ständig MakeUp-Tutorials auf YouTube angeschaut. Da wusste ich, dass ich das auch machen möchte. Ich wollte nicht denken: ‘Ich bin blind. Jetzt kann ich nichts mehr machen!’ Ich möchte Menschen dadurch helfen, dass es außer mir bisher niemand Anderen auf Youtube gibt, der das Bild von Blinden ändert. Ich habe schon echt viel positives Feedback bekommen! Das macht mich so glücklich, zu wissen, dass es da draußen Leute in derselben Situation gibt, denen ich helfen konnte. Ich wollte gegen den Stereotyp eine Blinden, der nie das Haus verlässt, ankämpfen.

Was war deine größte Herausforderung bisher?

Einmal war ich so deprimiert, dass ich dachte: ‘Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder verkrieche ich mich in meiner Blase, werde nie wieder das Bett verlassen und nicht mein A-Level-Degree bestehen oder ich versuche mein MakeUp hinzubekommen und meinen Abschluss zu machen, um Jura zu studieren.’ Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden.

Online habe ich noch nie jemanden gesehen, der seine Schminke ohne Spiegel aufträgt und das hat mich wirklich frustriert! An einem Punkt wollte ich unbedingt die Kontrolle über mein Leben zurückgewinnen, dass ich mich wie fanatisch ununterbrochen schminkte. Ich wollte die Weise ändern, in der ich über mich dachte und wie ich mein Aussehen so bestimmen kann, dass ich mich wohlfühle, ohne mich sehen zu können. Es ist toll, dass ich so die Möglichkeit habe, den Menschen etwas zurückzugeben, da sie mir draußen so viel helfen.

Wie kaufst du deine Schminke ein?

Der einzige Grund, weshalb ich in einem Laden den Überblick bewahren kann, ist meine Schwester. Sie ist einfach großartig! Sie weiß alles über MakeUp. Ich weiß wirklich nicht, wie man das ohne eine Alice im Leben schaffen kann. Der andere Grund, weshalb ich einen YouTube Channel habe, ist, dass ich gern eine MakeUp-Linie entwickeln möchte, die so easy ist, dass jeder kommen kann, sich beraten lassen kann und sich komplett selbstsicher danach fühlt. Bisher weiß ich noch nicht genau, wie sich das mit dem Store umsetzen lässt, aber es wäre so toll irgendwann ein eigenes Label zu haben.



*Wie war’s denn, als du dein erstes Tutorial gedreht hast?

Mein Freund Ollie und ich haben ewig dafür gebraucht! Er meinte ständig: ‘Schau in die Kamera!’ Und ich: ‘Ich schaue in die Kamera!’ Daraufhin Ollie: ‘Naja, deine Augen nicht. Ich weiß, so würdest du es nicht auf YouTube zeigen wollen…’ Nach einer Weile war ich echt frustriert. Es dauerte ungefähr 3 Stunden und wir mussten unzählige Schnitte einbauen. Aber die Reaktionen darauf waren unglaublich! Es hat sich also gelohnt – auch, wenn es wirklich hart war und der Eyeliner nicht so saß, wie ich ihn mag. Sogar meine Tante, Mutter und mein Vater meinten, dass es unbeschreiblich sei! Niemand kann sich scheinbar einen Lidstrich ohne Spiegel malen, was offenbar ziemlich cool ist. Also habe ich weitergemacht.

Aber mal ganz ehrlich, was ist dein Geheimnis, dass es so gut aussieht?

Ganz lange hat Alice mir ihn aufgetragen, aber ich habe genau gespürt, wie sie es gemacht hat. Mittlerweile kenne ich meine Augenform so gut, dass ich einfach der Linie folge. Und natürlich benutze ich meine andere Hand als Stütze. Du musst dich einfach sicher fühlen, sonst wird das nichts. Seitdem musste ich niemanden mehr fragen.

Was ist die größte Herausforderung bei deiner täglichen MakeUp-Routine?

Wahrscheinlich zu wissen, ob eine Hautunreinheit tatsächlich rot ist oder nicht. Einige Flecken sind’s eben nicht, aber ich verschwende wahrscheinlich viel mehr Concealer deswegen, als alle anderen Menschen, weil ich’s eben nicht weiß. Deswegen gehe ich einfach über alle Makel in meinem Gesicht. Auch schwer ist es mit der Mascara. Ich kann nur die mit einer kleinen Bürste benutzen, alle anderen verschmiere ich im kompletten Gesicht, ganz egal, wie oft ich es geübt habe. Beim Auftragen muss ich ganz langsam sein, weil ich nie weiß, wann mich die Bürste tatsächlich berühren wird. Manchmal habe ich Angst, dass ich’s versaut habe, aber dann denke ich mir: ‘YOLO!’



Was war die komischste Frage, die dir jemals jemand gestellt hat?

Irgendwann mal war ich mit meinen Freunden beim Friseur und dort fragten sie: ‘Brauchen wir eine andere Sorte Schere, wenn wir dem blinden Mädchen die Haare schneiden?’ Und ich nur: ‘Ääähm, nein?! Warum sollte das so sein?!’ Einige Menschen haben einfach so gar keine Ahnung. Genauso ist es aber auch mit manchen Menschen online, die mit solchen Dingen wie ‘Warum schaust du in die Kamera? du kannst doch gar nichts sehen!’ ankommen. Irgendjemand hat mich sogar mal gefragt, ob ich blinzeln und schlafen könnte! Es gibt wirklich so viele Menschen, die es nicht besser wissen und auch ihnen möchte ich etwas beibringen. Ich glaube, es gibt aber keine falschen Fragen. Wenn jemand wirklich nicht weiß, ob ich meine Augen schließen kann, finde ich es besser, wenn sie fragen, anstatt stumm zu bleiben. Ich beantworte jede Frage gerne. Aber das ist natürlich ein ganz subjektives Ding – andere Blind gehen damit vielleicht nicht so offen um, wie ich.

Welchen Rat würdest du Teenies in einer ähnlichen Situation geben?

Sie müssen sich und anderen wiederholt sagen, dass sie immer noch im Stande sind, die gleichen Dinge zu machen. Außerdem sollte man seine Fröhlichkeit und seinen Optimismus niemals verlieren. Natürlich ist das nicht immer möglich. Dann möchte man auch einfach mal mit einer riesigen Portion Ben&Jerry’s im Bett sitzen. Aber das ist OK! Wir sind ja auch nur Menschen. Außerdem sollte man sich jeden Tag kleine Ziele setzen. Selbst wenn es nur das Öffnen und Abschicken einer Mail ist, wird man routinierter, fühlt sich besser und unabhängiger.

Montag, 18. Mai 2015