Stereotypen im Deutschen Fernsehen und dessen Auswirkungen

16 Februar 2021
- geschrieben von Maissa Lihedheb
Als ich aufwuchs, hatte ich viele Zweifel an mir selbst, weil ich bemerkte, wie anders ich imVergleich zu meinen Lieblingsfiguren im Fernsehen war. Zu meinen Problemen gehörte esherauszufinden, wer ich war. Ob ich Araber oder Deutscher war. Es dauerte eine Weile, bisich lernte, meine tunesische und deutsche Identität unter einen Hut zu bringen. Als braunesMädchen mit muslimischem Hintergrund in einer mehrheitlich weißen Stadt aufzuwachsen,war wie ein Außerirdischer auf Erden zu sein. Es gab bereits ein Stereotyp über mich,basierend auf der Art, wie ich aussah. Ich fühlte mich für fast meine gesamte Jugendunsicher und isoliert. Ich begann mich von meiner Kultur zu distanzieren, um wie dieMehrheit „normal" zu wirken. Ich schämte mich, Araber zu sein, denn die einzigen Araber,die ich und meine Kollegen kannten, waren die im Fernsehen dargestellten. DieGangster-Rapper, der Terrorist oder die Kriminellen.
Die Medien sind entscheidend für den Aufbau und die Verbreitung von Sichtweisen vonMenschen mit Migrationshintergrund und damit für die Sozialisierung von BIPOC's.Die Repräsentation in den Massenmedien ist von Bedeutung, weil Repräsentation dieTeilhabe an der Gesellschaft darstellt.
Wir leben in einer ungerechten Welt und das ist uns allen bewusst. Doch bewusster wird esvor allem, wenn man eine Frau of Color in einer männlich und weiß dominierten Industrie ist.Unsere Stimmen gehen unter und um gehört zu werden müssen wir doppelt so vielemotionale Arbeit reinstecken, oft leider vergeblich. Die Türen werden bewusst undstrukturell zugehalten. Reingelassen werden wir nur, wenn unsere Geschichten dem Bild derMehrheitsgesellschaft entsprechen. Bis heute scheint Deutschland noch Schwierigkeitendamit zu haben, die Geschichten von Frauen mit Migrationshintergrund zuzulassen obwohljede*r Fünfte in Deutschland Migrationsgeschichte hat. Dennoch scheint die Film undFernsehlandschaft dies nicht zu räpresentieren und wenn sie es tut, werden Menschen wiewir nur ein dimensional und stereotypisiert dargestellt. Das Problem fängt schon strukturell inSchulen an. Wer darf ans Gymnasium, wer nicht. Wer wird in den Filmschulen zugelassenund wer nicht. Die Medienlandschaft spiegelt ganz genau wieder, wer zugelassen wird.Denn die Medienlandschaft bleibt mehrheitlich weiß und männlich.
Einer der Gründe warum ich Film machen möchte, ist dass ich mich als Kind nie selbstgesehen habe und was passiert mit einem Kind, dass sich selbst nicht sieht? Während manaufwächst, versucht man sich mit Charakteren im Fernsehen zu vergleichen. Das Bedürfnis,jemanden zu finden, der wie man selbst ist, ist vor allem in Teenager Jahren groß, und wenndiese Darstellung nicht realistisch ist, entwickelt man eine falsche Wahrnehmung von sichselbst. Das Kind fühlt sich nichtig und wenn die Fälle von stereotypischen Darstellungenständig wachsen, denkt der Zuschauer man müsse sich diesem Stereotyp anpassen.Repräsentation in der fiktiven Welt bedeutet soziale Existenz und die Abwesenheit vonauthentischer Repräsentation ist somit eine subtile Gewalt an der Legitimität der Identität.Ich schrieb meine Bachelor Arbeit über das Thema "Symbolic Annihilation in Film of firstgeneration immigrants and its consequences on Identity" und meine Forschung ergab, dassviele meiner Interview Partner an Depression und Selbsthass litten, eine der Ursachen: Sichselbst nicht gesehen fühlen. Sie gehen ferner nicht überraschend davon aus, dass dasPublikum diese Darstellungen als reale Vergleiche verwendet, wenn bestimmteMinderheiten immer wieder mit den gleichen Merkmalen dargestellt werden. Das Fernsehenhat einen starken kulturellen Einfluss, der in jeder Art von Inhalten umgesetzt wird, diepräsentiert werden, und nicht nur auf „Kulturprogramme" beschränkt ist, d.h. Programme, diesich mit Wissenschaft, Literatur und Kunst befassen. All diese Programme im Bezug au fNachrichten, Unterhaltung, Kultur, Kinder, Frauen, Bildung usw. können einen Einfluss aufEinzelpersonen und Massen in Bezug auf die kulturelle Bildung haben. Darüber hinaushinterlassen Drama Serien und Filme im Fernsehen eine stärkere kulturelle Wirkung, dieebenso schwerwiegend ist wie Studien, Programme und Seminare. Laut Defleur undBall-Rokeach (1976) haben die Begründer der Abhängigkeitstheorie festgestellt, dass durch„Unterhaltung" gezeigte "Informationen" den gleichen Effekt haben kann wie das durch„Nachrichten" gezeigte, wenn man bedenkt, dass Nachrichten für Informationen relevantersind als Unterhaltung. Das Publikum nutzt die meiste Zeit Unterhaltung, um seine Welt zuverstehen und alles, was über seine direkte Erfahrung hinausgeht. Dies führt dazu, dass derEinzelne Unterhaltungsmedien auswählt, um zu verstehen, was die „Norm" in derGesellschaft ist und wie er mit anderen umgeht. Fernsehen ist ein konstruiertes Bild einerUmgebung, die nicht die Realität widerspiegelt, sondern unwahre Informationen, verzerrteStereotypen und fehlgeleitete positive Bilder präsentiert. Der Großteil des Publikums hatkein Interesse daran, das, was ihm oder ihr präsentiert wird, mit anderen Quellen zuvergleichen, und daher ist die Wahrnehmung des einzelnen Stereotyps oft verzerrt undresultiert in Voreingenommenheit. Schließlich schaffen die Anhäufung von TV Einfluss undder Mangel an direkter Erfahrung mit Menschen mit Migrationshintergrund eine künstlicheWelt, die für die Empfänger immer realer wird. Das gesamte Wertesystem eines Zuschauersbesteht aus Annahmen, Überzeugungen, Bildern, Ideologien und Perspektiven, die vomFernsehen auf der Grundlage der Kultivierungstheorie formuliert werden. Das Fernsehenliefert subtile Werte, Regeln und Moral für das, was in einem sozialen Diskurs angemessenund wichtig ist. Seit der Kindheit wird man im Fernsehen mit sich wiederholenden Lektionendarüber konfrontiert, was aufgrund der breiten Weltanschauung richtig oder falsch ist.
Menschen mit Migrationshintergrund, werden meist als Objekte von Aktionen im Fernsehenwahrgenommen. Nur selten können sie ihre eigenen Handlungen beeinflussen. Aufgrundder Macht des Fernsehens als Übertragungsinstrument ist die stereotypische Darstellungvon BIPOC's unbewusst mit dem Empfänger verbunden und gründlich recherchierte undreale repräsentierte Lebensbedingungen von Menschen mit Migrationshintergrund sindimmer noch kein Thema für fiktives Storytelling. Das deutsche Fernsehen verpasst daher dieChance, eine interessante und vielfältige Kultur zu repräsentieren. Zuwanderer und BIPOC'shaben daher häufig nicht das Bedürfnis, deutsche Produktionen zu sehen. Es scheint, dassdie Produzenten entweder nicht über die Lebensbedingungen von Bürgern mitMigrationshintergrund Bescheid wissen oder sie denken, dass dies nicht unterhaltsamgenug ist. Unsichtbarkeit oder negative Darstellung von Minderheiten in den Medien leugnendie Existenz in der Gesellschaft. Repräsentation könnte vor allem auch intern Menschen ausEinwanderer Familen helfen, sich mit internen Problemen zu befassen. Zum Beispiel erhöhtdie Ausstrahlung einer Fernsehsendung zur Hauptsendezeit, die von Familien aller sozialenSchichten und Hintergründe im ganzen Land (z. B. Eastenders) gesehen werden und sichmit Fragen der Homosexualität in muslimischen Gemeinschaften oder zwischenverschiedenen ethnischen Gruppen ihrer bevorzugten Charaktere befasst, dieWahrscheinlichkeit des Selbstvertrauens von Minderheiten zur Kommunikation Tabuthemeninnerhalb der Familie, wenn sich ihre Lieblingsfiguren mit ähnlichen Themen befassten. Dalaut der Kultivierungstheorie fiktive Medien Meinungen und Ansichten darüber prägen, wiedie Gesellschaft funktionieren sollte und was akzeptabel ist. Die Theorie gilt auch für dasweiße deutsche Publikum. Wenn eine der bevorzugten Hauptfiguren in einer hypothetischenTV-Show zur Hauptsendezeit einen Hijab tragen würde, könnte das Publikummöglicherweise akzeptieren, dass ihre Kindergärtnerin einen Hijab trägt. Die Hijabi wird nichtlänger als anders angesehen, da sie täglich in ihrer Lieblingssendung zu sehen ist. DieBeziehung zwischen den geskripteten Inhalten im Fernsehen und der Schlussfolgerung, diedas Publikum aus der Aufdeckung rassistischer und ethnischer Stereotypen zieht, führtdazu, dass das Publikum etwas über Einwanderer der ersten Generation und ihre Merkmaleerfährt, basierend darauf, wem sie im Fernsehen dargestellt sind.
Mehr Bilder und starke Statements zur Kampagne #MeineRolleImDeutschenFilm konzipiert von Wana Limar findet ihr auf unserem Instagram.
Maissa Lihedheb, in Deutschland als Tochter tunesischer Einwanderer geboren. Sie studierte Medien- und Entertainment Management und schrieb ihre Dissertation über "Symbolische Vernichtung in Massenmedien und ihre Auswirkungen auf die Identität von Einwanderern der ersten Generation".  Maissa Lihedheb ist Filmemacherin, Kuratorin und Co Founderin von Bipoc Film Society und hat nun zehn Kernmitglieder.
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