MTV Album der Woche: Sierra Kidd

Der Hip Hop gibt derzeit keine Ruhe und Sierra Kidd legt mit "Nirgendwer" das nächste Album-Highlight vor.

MTV Album der Woche: Sierra Kidd – Nirgendwer

Natürlich kennt man 2014 die Mechanismen des Hip Hop oder wahlweise Rap und braucht nicht lange überlegen, um zu wissen, was kommerziell für Aufmerksamkeit sorgt und was eher längeren Anlaufs bedarf, um wirklich durchzustarten. Haue Lines raus, die direkt sagen, was du denkst, nimm kein Blatt vor dem Mund und setz’ die passenden Beats dazu und der Erfolg ist fast vorprogrammiert – Kollegah stürzte damit Helene Fischer vom Thron der Charts, wurde alsbald von KC Rebell abgelöst und nicht wenige meinten, dass Sierra Kidd der nächste sein könnte. Wobei hier leider ein Folgefehler begangen wurde, denn im Gegensatz zu eben erwähnter Hau-drauf-Mentalität, wird die Sache bei Sierra Kidd von einer ganz anderen Seite aus betrachtet; von einer, wenn man so will, die sich viel einfühlsamer und überlegter gestaltet.

>> Die brandneuen Videos der Woche gefällig? Bitte sehr.

Nirgendwer hebt die Faust zwar hin und wieder gerne in die Höhe, aber Schläge gegen Feinde oder Ejakulationen auf deren Mütter offenbart hier nicht eine Zeile. Was das Alleinstellungsmerkmal von Sierra Kidd ausmacht und zeigt, welch vielschichtige Persönlichkeit in den Songs vom Alltag berichtet. Die Straße ist trotzdem Thema. Anders als bei einem Haftbefehl allerdings, geht es aber nicht um den Kampf des Stärkeren, sondern um die Verlorenheit, die Resignation und manchmal um den Funken Hoffnung, der bei allen Enttäuschungen nicht erlöschen will. Im positiven Sinne gesehen, darf dies als versöhnlich bezeichnet werden und wirklich, so gut wie Nirgendwer den Zwiespalt zwischen eiserner Härte einerseits und das Gefühl der Schwäche, meist als Moment der Verlorenheit ausgedrückt, andererseits herüberbringt, ist im Prinzip längst mehr, als ein Debüt dies zeigen müsste.

>> Zum Sierra Kidd-Video 'Xo' geht es hier entlang.

Dabei verfällt Sierra Kidd nie so sehr dem Prinzip Pop, als dass man meinen könnte, ihm und seinen Sidekicks (u.a. RAF Camora und Prinz Pi) ginge es um den ersten Platz in den Charts – nein, die Songs zeigen trotz Rap-Charmes eine Bandbreite, die den Independent genau so annimmt, wie dem Alternative Platz einzuräumen. Die Mischung passt folgerichtig maßgeschneidert auf den inhaltlichen Charakter von Nirgendwer und Zweifel daran, ob Sierra Kidd das Niveau der ersten Releases auch auf Albumlänge halten kann, dürften sich spätestens mit dieser Veröffentlichung erledigt haben. Die Leistung aller Beteiligten ist dabei nicht hoch genug zu loben, denn dass bei diesem Debüt ein Rad ins andere greift, liegt nicht nur am Protagonisten selbst.

>> 'Lass das Ficken weg', findet auch Bass Sultan Hengst – hier gibt es das ganze MTV Video Interview mit ihm zum neuen Album 'Endlich Erwachsen'.

So darf man Applaudieren, dass Sierra Kidd den Erstling nicht zu früh veröffentlicht hat, sondern genau den richtigen Moment abpasste und der eben jetzt ist – Fussball WM hin oder her, diese Songs haben das Finale längst erreicht und unterstreichen nebenher, wie großartig Hip Hop oder wahlweise Rap im Jahre 2014 sein kann.

Label: Indipendenza/BMG Rights Management/Groove Attack Vö: 04.07.14

Tracklist:
1. Sierra
2. Whatsapp
3. Nirgendwer
4. Knicklicht
5. Amor’s Headshot
6. Ich Sah Ihn Noch (feat. Prinz Pi)
7. Welle
8. 20.000 Rosen
9. Splittermeer
10. Strom (feat. RAF Camora)
11. Xo
12. Signal
13. Mobile
14. Gift
15. 540 Km
16. Kidd

Und das vergangene MTV Album der Woche gibt es hier.

Montag, 30. Juni 2014