Primavera Sound Festival 2013

Primavera Sound 3. Tag

Thee Oh Sees
Wir sind gerade aus Austin/Texas zurück, wo wir auf dem South-by-Southwest-Festival (SXSW) waren, um einige Bands live zu erleben – darunter auch Thee Oh Sees. Ihren Auftritt sahen wir jede Nacht im Hotel Vegas. Wie ein glühender Justin-Bieber-Fan stand ich in der ersten Reihe, und ich fühlte mich auch die ganze Woche über so. Ständig wurde ich rot. Ich war machtlos. John Dwyer ist aber auch ein echtes Schnuckelchen. Und er ist ein verdammt guter Musiker und ein richtiges Vorbild. Alle Bands, in denen er mitmischt (Coachwhips, Pink and Brown, Landed, YIKES!, Burmese, The Hospitals, Zeigenbock Kopf, Sword + Sandals), sind exzentrisch, aber gut. Aber bitte, John, höre bloß nicht mit Thee Oh Sees auf. Möge es für immer so bleiben.

Vorne stolpert ein echt junger Fan über den Zaun und so ein großer Typ packt ihn sofort am Kopf und drückt ihn auf den Boden. Die Band
hört auf zu spielen, als wären wir an Bord der Titanic. John ruft: „Hey, Mann! So geht man nicht mit Kindern um!“ Dumm nur, dass der Typ gar kein Englisch versteht. Deswegen macht er mit seiner Attacke weiter und die Band verstummt wieder. John schreit: „Das ist mein voller Ernst!“ und man merkt richtig, wie wütend er ist. Wir sind hier – 5000 Leute, die am Mittelmeer stehen und das tun, was sie unendlich genießen. Stattdessen bekommen wir diesen Idioten serviert, der einen jungen Fan aufmischt, statt seinen Job zu tun.

Die Show geht weiter und das klassische Thee-Oh-Sees-Feeling stellt sich ein. Hat irgendwer den Tonregler hochgeschoben? Meine Füße bewegen sich immer schneller und plötzlich tanze ich wie in einem Fatboy-Slim-Video. Als die Show mit ‚Minotaur‘ endet, nachdem die Band mitbekommen hat, dass sie noch länger spielen kann, höre ich Wu-Tang Clan irgendwo weiter weg. Die Band ist ein gutes Beispiel dafür, wie Thee Oh Sees auf keinen Fall ist.

Phosphorescent
Zur Freude aller Will-Oldham-Fans auf dem Primavera betritt Phosphorescent die Bühne. Als ich Matthew Houck das letzte Mal auf diesem Festival erlebte, stellte er eine große Band auf die Bühne und sorgte für jazzige Stimmung. Diesmal kommt er mit einer kleineren Besetzung, was echt besser zu ihm passt. Die eingefleischten Phosphorescent-Fans erleben einen wahren Hörgenuss. Alle Hits werden gespielt und Matt fordert uns bei den meisten Liedern zum Mitsingen auf.

Wie fast immer sehen die meisten Leute im Publikum aus wie er. Bärtige Männer und, ja, tatsächlich auch einige Pärchen um die 25. Wir wollen weitergenießen. Wir brauchen diese Band, um uns etwas von den provozierenden Elementen des Musikbusiness zu erholen. Matthew Houck ist ein netter, bescheidener, fröhlicher und süßer Typ, der uns hilft, im Leben weiterzukommen. Wahrscheinlich bin ich die einzige hier, die von seiner Musik ganz besessen ist. Aber das macht nichts. Die Musik ist ziemlich friedlich.

Wer von Pho noch nichts gehört hat, sollte ‚Los Angeles‘ auf volle Lautstärke drehen, die Augen schließen und sich vorstellen, wie es sich anhört, wenn Tausende vom Wein beseelte Fans dieses Lied gemeinsam in einer windigen Festivalnacht singen.

So fühlte sich die Show an. Danke, Matt. Das war genial wie immer.

Cayucas
Cayucas ist die Band mit dem seltsamen Namen, der sich auf Maracas reimt. Das ergibt einen Sinn. Es ist eine Gruppe von schmucken Jungs, die afrikanisch angehauchte Songs spielen und in einem eher britischen Hipster-Stil verpackt sind. Sie erinnern an Vampire Weekend, sind aber doch irgendwie anders. Wir hatten ganz schön hohe Erwartungen an diesen Auftritt. Als wir, bevor wir zum Festival aufbrachen, auf dem Balkon unseres Hauses einen Cava schlürften, hatten wir die Musik so laut aufgedreht, dass wir schon befürchteten, unsere Nachbarn würden sich beschweren. Haben sie aber glücklicherweise nicht, und so erreichen wir die kleine Vice-Bühne noch rechtzeitig. Es sind noch nicht viele Leute da. Deswegen finden wir vorne locker einen Platz, nur wenige Meter von der Band entfernt.

Auf der Bühne haben sie ein Rhodes-Klavier und sein weicher Sound verbindet sich super mit den eingängigen Melodien und den kantigen Riffs. Das Schlagzeug wird genau an den richtigen Stellen effektvoll eingesetzt, um diesen ganz besonderen Musikstil zu unterstreichen. Der Sänger hat die perfekte Stimme für die Interpretation der bittersüßen Songs über die Highschool-Liebe – als hätte man sie direkt aus einem Toptitel der 50er Jahre transportiert. Jeder, aber auch wirklich j e d e r tanzt und klatscht, und das Publikum übernimmt die Rolle eines neuen Bandmitgliedes. Als wären wir ihre neue Percussion-Gruppe. Happy happy joy joy!

*Mac DeMarco *
Später lassen wir uns den Brooklyn-Star Mac DeMarco nicht entgehen. Wie immer hat er eine Baseballcap verkehrt herum auf und riesige Löcher in seiner abgewetzten Jeans. Während er seine typische Grimasse zieht, streckt er seine Zunge ganz weit heraus und lässt sich treiben. Er ist einfach nur ein charmanter, cooler Typ – und seine karibisch angehauchte Indie-Musik klingt genauso. In seiner Musik steckt eine gute Portion Unbeschwertheit und gute Laune. Seit ich ihn das letzte Mal in Austin auf dem SXSW sah, scheint er sich zu einem Künstler mit einer starken Bühnenpräsenz weiterentwickelt zu haben, auf den man sich auf lange Sicht verlassen kann. Der Sound hätte etwas besser sein können, aber ich wäre überrascht, wenn wir es hier nicht mit einem Künstler zu tun haben, von dem wir in den nächsten Jahren noch mehr sehen und hören werden.

Da jemand aus dem Publikum eine Packung Zigaretten als Geschenk an den Bassgitarristen, der Ende des Jahres Vater wird, auf die Bühne wirft, braucht die Band natürlich auch noch Feuerzeuge. Wir sehen einen ganzen Schwarm Feuerzeuge auf die Bühne fliegen, damit sie ihrer Not entkommen und sich neue Zigaretten anzünden können. Das heizt die ohnehin schon tolle Stimmung noch mehr an und sorgt für das ultimative Partyfeeling.

Roll The Dice
Roll the Dice ist ein gigantischer Apparat, ein System mit Funktionen. Sie stehen sich zugewandt gegenüber (wie bei den Fuck Buttons) und bewegen sich wie zwei Zahnräder in einem riesigen Rad oder eine Dampflok, die im Wahnsinnstempo in Richtung Zukunft rast. Der Rauch auf der Bühne erinnert an Staubwolken in einer schmutzigen Wüste. Die beiden Schweden tragen Hosenträger und hüfthohe Hosen, und man bekommt den Eindruck, der Auftritt findet in einem alten Westernfilm statt.

Der elektronische Sound ist monoton und hart – ein Gang auf dunklem Grund. Zwei Verrückte oder zwei Genies? Zwei Profile und zwei Rücken über die analogen Synthesizer gelehnt, mehr bekommen wir nicht zu sehen. Manchmal scheint es, als würde jeder von ihnen ein wildes Tier zähmen, und vielleicht soll es auch so sein. Der Bass ist so gewaltig, dass er fast den Vorhang und das Stoffdach von der ATP-Bühne bläst.

Donnerstag, 30. Mai 2013