Primavera Sound Festival 2013

    Heute, am Freitag, dem zweiten Tag der Primavera Sound, ist es ziemlich kalt und sehr, sehr windig.

    Solange Knowles

    Heute, am Freitag, dem zweiten Tag der Primavera Sound, ist es ziemlich kalt und sehr, sehr windig. Die Leute sind angezogen, als würden sie auf eine Island-Rundfahrt gehen – und nicht für ein Festival am Strand. Wir versuchen, uns in der Menge aufzuwärmen, die vor der Pitchfork-Bühne auf das erste Konzert mit Solange wartet! Die Leute warten voller Vorfreude – und dann ist sie endlich da!

    Ein zierliches Mädchen in schwarzer Lederhose betritt die Bühne. Als sie den ersten Song anstimmt, kann man kaum glauben, dass diese kleine Person eine solch gewaltige Stimme hat. Solange hat eine ganze Live-Band aus den USA mitgebracht, die echtes Achtziger-Feeling verbreitet. Die Sängerin trägt eine kurze, neongrüne Lederjacke; ihre Dance-Moves erinnern an MJ und die junge Whitney. Die meisten Songs stammen von ihrem neuesten Album ‚True‘, doch sie performt auch einen Soul-Titel aus ihrem ersten Album, der übrigens wunderbar zum aktuellen Repertoire passt. Solange bewegt sich auf der Bühne souverän und selbstbewusst und scheint sich wirklich darüber zu freuen, hier auftreten zu können. Alle sind glücklich und ausgelassen. Als es Zeit für ‚Losing You‘ ist, hat sie einen Wunsch. „Ich habe eine Bitte an euch, Leute. Packt die Handykameras weg und lasst uns für einen Moment einfach unseren verdammten Verstand vergessen.“ Und genau das tun wir. Die Pitchfork-Bühne bebt, brummt und schwingt – aber kein Einziger zückt das Handy. Sie singt davon, wie manche Dinge einfach nicht funktionieren – „some things never seem to fucking work“. Dieses Konzert hingegen, das funktioniert verdammt gut! Danke Solange, genau das haben wir gebraucht.

    *The Breeders *

    Es war fantastisch, The Breeders zu sehen, die ihren Song ‚Last Splash‘ spielten. Wir sind sogar wie Teenager auf die Bühne „zugerannt“, denn wir wurden im wahrsten Sinne des Wortes „umgehauen“ – leider nicht von der Musik, sondern vom Wind. Barcelona war heute Abend die stürmischste Stadt in ganz Spanien, und der Sound hat ganz schön darunter gelitten. Es hörte sich an, als würde man bei GarageBand die Verzögerungstaste drücken, ohne dass schräge Ambient-Musik dabei herauskommt.

    Es ist eine wahre Freude, Kim & Kelley zu sehen. Sie legen sich mächtig ins Zeug, um der Menge vor der einzigartigen Primavera-Bühne zu danken und sie mit ihren Songs zu begeistern. Leider sind sie zehn Jahre zu spät dran. Ich drehe mich um und sehe mir die Leute an – alle in ihren Mittdreißigern, so wie ich. Die meisten sind damit beschäftigt, Instagram-Fotos zu teilen – #meandmyfavoritnostalgiabandthebreeders – oder versuchen, sich in diesem Mini-Tornado eine Zigarette anzuzünden. Aber der eigentliche Fokus liegt ganz woanders – in Erinnerungen an den Ort, wo wir unsere erste Liebe kennengelernt haben, wo wir bei einem Date Billard gespielt haben oder die ganze Nacht durchgefahren sind, um den perfekten Sonnenuntergang zu sehen (falls ihr euch wundert: ‚Cannonball‘ und ‚Sunset‘ waren meine Lieblings-Surf-Rock-Songs). So möchten wir The Breeders im Gedächtnis behalten. Nicht als eine Sheryl Crow-Coverband mit schrecklichem Sound, so dass alle Hipster VIEL LIEBER zu Solanges Musik tanzen würden, die 200 Meter entfernt am Strand auftritt.

    The Breeders, ich liebe euch, aber heute macht ihr mich nicht glücklich.

    Blur und Jesus and Mary Chain

    Heute Abend gibt es ein Wiedersehen mit den Oldies Blur und Jesus And Mary Chain (JAMC), die im Abstand von wenigen Stunden auf der Heineken-Bühne spielen. Diese beiden Bands sind für mich die Verkörperung früher Teenager-Träume. Sie wecken Erinnerungen an alte Hoffnungen, Ziele und die vielen beängstigenden Misserfolge von damals. Sie gehören einer anderen Ära an. Wenn Blur auch nur annähernd so gut sind wie damals, werden es die schottischen Reid-Brüder schwer haben, mich zu begeistern. Nur Nostalgie reicht halt doch nicht immer aus – leider.

    Vor einem riesigen Lichterkreuz auf der Bühne beteuern JAMC lautstark „I wanna die just like Jesus Christ“ (Ich will wie Jesus sterben). Doch man hat eher das Gefühl, als sei es ein letzter verzweifelter Versuch, der früheren Karriere wieder neues Leben einzuhauchen, als irgendetwas anderes. Blur hingegen überzeugt. Diese Band begeistert mich noch immer. Ich kann mir lebhaft vorstellen, was für ein Spaß es gewesen sein muss, die Setlists für diese Tournee zu erstellen. Die Band hat so viele fantastische Popsongs, und das zeigt sich heute Abend wieder eindeutig.

    *Neurosis *
    Neurosis, eine meiner Lieblingsbands, ist auch heute noch total angesagt. Neurosis gibt es seit gefühlten 100 Jahren, auch wenn ihr Sound einige Veränderungen durchlebt hat. Schon merkwürdig, aber irgendwie hing immer alles von Scott Kelly ab: Wenn er glücklich war, waren wir überglücklich.

    Wenn man Neurosis live hört, fühlt man sich einfach nur frei. Es ist, als würde man in eine Punk-Bar in Rio de Janeiro gehen, die Schuhe abstreifen und Jesus oder Allah hören. Scott schreit sich die Seele aus dem Leib und performt die „Songs“ ‚Black‘ und ‚Empty‘ für die einsamen spanischen Studenten, die ihr letztes Geld für das Primavera Sound hingelegt haben.

    Als ich einschlafe, habe ich das Gefühl, dass in meinem Bauch eine Bassdrum spielt. Diese Band war weitaus besser, als eine „professionelle Band“ – alias M e t a l l i c a. Und ja, die Tour-Managerin rief mich nach dem Konzert an und fragte, wie es mir gefallen hat. Und wisst ihr, was ich gesagt habe? Ich habe ihr gesagt: „Du schläfst mit dem besten Mann der ganzen Welt.“ Sie antwortete nicht und legte auf. Das ist gegenseitige Liebe.

    The Knife

    Um 3:10 Uhr kommen endlich The Knife auf die Bühne. Es ist spät in dieser kalten zweiten Festival-Nacht. Viele Leute sind schon gegangen. Aber die restlichen wollen unbedingt noch The Knife erleben! Die Band wird von einer riesigen, begeisterten Menge begrüßt. Am Anfang geben ein paar Leute vor, auf ihren Instrumenten zu spielen; nach ein paar Songs hören sie damit auf, tanzen stattdessen – und die SHOW beginnt. Auch wenn man am Anfang vielleicht noch müde war: Die Energie der Tänzer und die rhythmischen Beats lassen jede Müdigkeit schnell verfliegen. Man fühlt sich in der Bewegung gefangen, wird Teil des Geschehens. Als ich ein bisschen für mich allein tanze, erinnere ich mich zum zweiten Mal an diesem Abend an die Achtziger. Die Stimmung auf der Bühne ist dunkel und geheimnisvoll. Karin Dreijer sitzt am Klavier und singt. Die Tänzer bewegen sich im Gleichklang in einer Choreographie, die an Breakdance erinnert – eine Szene wie aus einem alten Musikvideo. Aber ich würde ihre Musik niemals als Retro oder so bezeichnen. Sie ist etwas völlig anderes, die einem das Gefühl gibt, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Genau dort, wo es so richtig abgeht. Und ich denke, eben das wollten uns The Knife auch bieten. Fantastisch!

    Donnerstag, 30. Mai 2013